Die Idee einen Ökumene-Kurs auf der Erfahrung zu gründen, stammt von dem irischen Jesuiten Michael Hurley, der an der Irish School of Ecumenics (ISE) in Dublin solche Kurse entwickelte. Dabei besuchen die Teilnahmer Veranstaltungen und Gebete der anderen Konfession, um diese dann gemeinsam zu reflektieren. Martin Rötting studierte an der ISE und brachte diese Idee nach Freising, wo sie der dortige Ökumenekreis aufgegriffen hat.
Eine kurze Geschichte der Ökumene
von Martin Rötting
Einheit und Spaltung
Unter Ökumene versteht man das Bestreben der gespaltenen christlichen Kirchen wieder zur ursprünglichen Einheit zurückzukehren. Diese Einheit zerbrach zunächst im großen morgenländischen Schisma (1054), indem sich West- und Ostkirche nach langen vorherigen Diskussionen trennten. Die Reformation, die zur Spaltung der reformierten Strömungen von der katholischen Kirche führte, begann mit dem Anschlag von <personnamew:ston>Martin Luthers Thesen im Jahre 1517. Die nachfolgenden Glaubenskriege und gegenseitigen Verfolgungen endeten erst mit dem westfälischen Frieden 1648. Beide Schismen bestehen bis heute. Die Reformatorischen Kirchen selbst spalteten sich ebenfalls in viele unterschiedliche Kirchen und christliche Gemeinschaften.
Beginn der ökumenischen Bewegung in der Mission
Die Bewegung der Ökumene begann konkrete Formen anzunehmen, als die Missionare feststellten, dass eine in Theologie und Glaubenspraxis gespaltene Christenheit nicht überzeugend sein kann. Der Beginn der ökumenischen Bewegung wird daher oft in der Weltmissionskonferenz 1910 in Edinburg gesehen. Die protestantischen Kirchen und die orthodoxe Kirche gaben hierfür den Anstoß. Die Bewegungen „Praktisches Christentum“, und „Glaube und Kirchenverfassung“ schlossen sich 1948 in Amsterdam zum Weltrat der Kirchen zusammen. In Toronto beschloss man 1950, dass man eine Solidarität mit und unter den Mitgliedskirchen pflegen wolle, wobei aber Unterschiede akzeptiert werden sollten. Der internationale Missionsrat trat 1961 in New Delhi dazu und der Weltrat für christliche Erziehung 1971. In Nairobi formulierten die Vertreter der Kirchen zum ersten Mal als Ziel der ökumenischen Bewegung die eucharistische Gemeinschaft. Eine Forderung, die auch in Harare 1998 bestätigt wurde.
Die katholische Kirche öffnet sich der Ökumene
Die katholische Kirche hatte zwar auf die Vollversammlungen teilweise Beobachter entsandt, aber eine Mitgliedschaft im ökumenischen Rat der Kirchen ausgeschlossen. Mit dem II. vatikanischen Konzil (1962-1965) war die Öffnungs- und Dialogbewegung auch in der katholischen Kirche angekommen. Sie entsandte Beobachter zu allen großen Versammlungen und ist auch Vollmitglied in einigen Arbeitsgruppen. Eine Mitgliedschaft selbst steht momentan nicht zur Debatte, da sie das Zahlenverhältnis der vertretenen Kirchen umkehren würde. Es bestehen aber intensive Kontakte zwischen dem Sekretariat des ÖRK und des Einheitsrates im Vatikan.
Ökumenischer Frühling und Krise
Das Leitbild der ökumenischen Bewegung wurde oft mit „Haupt und Glieder“ beschrieben. Christus sei das Haupt der einen Kirche, die vielen Kirchen die Glieder. Bis Mitte der 1980er Jahre gab es auch sehr viele hoffnungsvolle Ansätze und eine Eucharistiegemeinschaft der Mitgliedskirchen schien vielen möglich.
Doch bald wurde deutlich, dass jedes auf den Anderen zugehen ein mehr an Spannung mit anderen bedeuten konnte. So wurde z.B. die Einführung des Frauenpriestertums in manchen anglikanischen Kirchen von den Reformkirchen sehr begrüßt, aber gleichzeitig bedeutet dies für die Verhandlungen mit der katholischen Kirche neue Herausforderungen. Auch unter den Mitgliedskirchen des ÖRK wuchsen die Spannungen, z.B. um die gegenseitige Anerkennung der Taufe und die Praxis der Taufen bei den Baptisten, oder auch das Eucharistieverständnis der orthodoxen Kirche mit Blick auf die Lima-Liturgie, eine Liturgie, die ein weiter Schritt in Richtung Eucharistiegemeinschaft sein sollte, aber vielfach auch Widerspruch auslöste.
Langsam verabschiedete sich die Ökumene von dem in der „Haupt und Glieder“ gedachten Bild der Einheit. Inzwischen wird oft von der „Tisch- und Hausgemeinschaft“ gesprochen. Konrad Raiser, der von 1993-2004 Generalsekretär des ÖRK war, spricht von der Ökumene als einer „ökologischen Bewegung des Haushalts des Lebens“. Die Theologie versucht in letzter Zeit von einem Konsens- zu einem Differenzmodell in der Theologie der Ökumene zu gelangen, in dem die Eigenheiten und Unterschiede, die sich auch in der Geschichte der einzelnen Kirchen herausgebildet haben, zum Profil und der Identität beitragen können.
Wohin steuert die Ökumene?
Im auf und ab der Ökumenischen Bewegungen kann die gemeinsame offizielle Festlegung des lutherischen Weltbundes und der katholischen Kirche zur Rechtfertigungslehre im Jahr 1999 als ein Höhepunkt gefeiert werden, da hier offiziell das Ziel der „vollen Kirchengemeinschaft“ unterstrichen wurde. Der Euphorie wurde durch die Irritationen in dem Dokument des Vatikans „Dominus Iesus“ (2000) ein Dämpfer gesetzt, da man sich vielfach an der Bezeichnung „kirchliche Gemeinschaften“ störte.
Theologische Probleme
Diese Irritationen verdeutlichen erneut, dass eines der wichtigsten theologischen Hürden das unterschiedliche Amtsverständnis ist. Die verschiedenen Auffassungen einer presbyterialen oder einer synodalen Grundordnung lassen sich nicht leicht in Übereinstimmung bringen. Das von den reformatorischen Kirchen betonte Priesteramt aller Gläubigen (1 Petr. 2,5) wird dort mit der Lehre des Paulus von den Charismen zum Dienst aller an der Verkündigung entwickelt. Obwohl darin die katholische Kirche auch im Grunde übereinstimmt, hält sie im II. Vatikanum (Lumen Gentium 10) an einem wesentlichen Unterschied zwischen dem allgemeinen Priestertum und dem Amtspriestertum fest: „dem Wesen und nicht bloß dem Grade nach“ (essentia et non gradu tantum differant).
Daraus ergibt sich auch die Diskussion um die so genannte apostolische Sukzession (lat. Nachrücken). Die katholische Kirche versteht darunter die Weitergabe des Geistes von Christus über Petrus an die Päpste, von diesen an die Bischöfe und durch diese an alle Priester. Diese Verbindung zu Christus sei in den reformierten Kirchen abgerissen. Neben der Diskussion um die theologische Bedeutung dieser Verbindung gibt es auch unter den reformatorischen Kirchen neue Bemühungen um die Sukzession.
Die theologisch nur schwer lösbaren Probleme der Ämterfrage haben dazu geführt, dass man die Notwendigkeit der Ämter als Garanten für die Einheit neu überdenkt. Die erste Funktion der Ämter sei, so z.B. Ulrich Körtner, die dienende Funktion. Auch der Papst selbst, zuerst Johannis Paul II in der Enzyklika „Ut unum sint“, hat dazu aufgerufen, nach Wegen zu suchen, wie der Papst nicht Hindernis einer Einheit, sondern Teil einer „Einheit mit dem Papst“ sein kann.
Visionen
Trotz aller Schwierigkeiten sehen sich die Christen auf einem ökumenischen Weg, der Teil der Geschichte der Kirche als „wanderndes Gottesvolk“ ist. Vielleicht gelingt es in Zukunft mehr und mehr die Reformation nicht nur als Schisma, sondern als Teil der Geschichte der universalen Kirche zu sehen. Eine Ökumene, die ihr Einheitsverständnis in einer bestimmten geschichtlich gewordenen Form dieser Einheit allein festmacht, scheint zum Scheitern verurteilt. In einer „pilgernden Kirche“ muss auch das, was unter Einheit verstanden wird, im Fluss sein und sich immer wieder neu an Jesus Christus ausrichten und hinterfragen lassen.
Die Vorläufigkeit der Kirche, all ihre geschichtlichen Formen und mit ihnen auch in der Menschlichkeit bedingten Fehler, sind nicht nur Mangel, sondern auch Zeichen für ihre Lebendigkeit.
Wir dürfen hoffen, dass es uns als Christen gelingen wird, uns an unseren Unterschieden zu erfreuen und mit und in der Differenz auch voneinander zu lernen. „Um des Reiches Gottes Willen“ werden wir inspiriert durch die Gastfreundschaft Jesu Wege finden, wie auch wir uns gegenseitig als „Gäste am Tisch des Herrn“ akzeptieren können.
Damit dies Wirklichkeit werden kann, erfordert es nicht nur ein großes und ehrliches Bemühen in der Theologie und den Leitungen der Kirchen, sondern auch einen wirklich tiefen Wunsch und eine große Sehnsucht nach dieser Einheit unter vielen Christen. Diese Sehnsucht wird gefördert, wenn wir uns ehrlich begegnen und uns gegenseitig fragen, was die Hoffnung ist, die uns trägt (1 Petr. 3,15) und wie wir sie leben möchten.
Martin Rötting